Manuel Noferini und Daniele Baggiani
Dies ist die Geschichte von Elmer Julius Kunze, Soldat des 338. Regiments der 85. US-Infanteriedivision. Im September 1944 gehörte er mit seinen Kameraden zu den Ersten, die bei den Kämpfen um den Giogo-Pass den Gipfel des Monte Altuzzo erreichten. Seine Erfahrung ist nicht nur Teil der Militärgeschichte, sondern auch ein Zeugnis der Härten und Prüfungen, die so viele junge Soldaten durchstehen mussten.
Das Museo Gotica Toscana steht in Verbindung mit seiner Tochter Robbie Kunze Humphrey, die Erinnerungen und Dokumente zur Verfügung gestellt hat, um ein vollständigeres Bild ihres Vaters zu vermitteln: nicht nur das des im Kampf verwundeten Soldaten, sondern auch das des Mannes, der nach dem Krieg sein Leben wieder in die Hand nahm. Robbie hat die Orte, an denen Elmer kämpfte, mehrmals besucht und so die Erinnerung der Familie mit der gemeinsamen Geschichte verbunden, die das Museum bewahrt.
Ihre Mitarbeit ist für uns sehr wichtig: Durch ihren Beitrag bleibt Elmer Julius Kunze lebendig – als Teil einer gemeinsamen Erinnerung, die persönliche Erfahrungen und kollektive Geschichte verbindet.
Wurzeln der Freiheit
Elmer Julius Kunze wurde am 22. Februar 1912 im Warren County, Missouri, als Sohn von Edwin Henry Kunze und Louise F. Oberlag geboren.
Seine Familie stammte von deutschen Auswanderern ab, die sich am Missouri River niedergelassen hatten, in der Gegend, die später als Missouri Rhineland bekannt wurde. Die Familie Kunze gehörte der Gießener Auswanderungsgesellschaft an, die 1833 von Friedrich Münch und Paul Follenius gegründet worden war und von den Idealen der Freiheit und der Demokratie getragen wurde: Ihr Ziel war es, in Amerika ein bäuerliches und demokratisches Gemeinwesen aufzubauen, das auch Europa als Vorbild dienen sollte. 1834 überquerte Elmers Großvater, damals ein vierjähriger Junge, zusammen mit seinen Eltern Hermann und Wilhelmine Kunze auf der Medora, einem der beiden Schiffe der Gesellschaft, den Atlantik. Die deutschen Familien der Gegend gründeten Farmen, Schulen und Kirchen, die zum Mittelpunkt einer aktiven und eng verbundenen Gemeinschaft wurden. Ihre Geschichte verflocht sich bald mit der der Vereinigten Staaten: Im Amerikanischen Bürgerkrieg traten viele Angehörige der deutschen Gemeinden Missouris in die Unionsarmee ein und stellten sich gegen die Sklaverei und für die Einheit der Nation. Ein Jahrhundert später sollte einer ihrer Nachfahren – Elmer Julius Kunze – als Soldat nach Europa zurückkehren. Seine militärische Erfahrung setzte, in einem ganz anderen Zusammenhang, eine Familientradition fort, die von der Beteiligung an Konflikten von historischer Tragweite geprägt war.
Elmers Muttersprache war Deutsch, und er behielt sie sein Leben lang. Während des Zweiten Weltkriegs bereitete dies der Familie Sorgen: Die Möglichkeit, dass er gegen Männer kämpfen müsste, die seine eigene Sprache sprachen – vielleicht sogar gegen in Deutschland gebliebene Verwandte –, war durchaus real.
Ausbildung und Aufbruch
Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten wurde Elmer in die US-Armee aufgenommen und der 85th Infantry Division „Custer“ zugeteilt: 338. Infanterieregiment, Kompanie C, 1. Zug. Die Division war 1917 in Camp Custer, Michigan, aufgestellt worden, einem nach General George Armstrong Custer benannten Lager, von dem sie ihren Beinamen erhielt; am 15. Mai 1942 wurde sie in Camp Shelby, Mississippi, reaktiviert.
Elmers Ausbildung begann in Camp Shelby, einem der wichtigsten Ausbildungszentren der US-Armee im Krieg; 1943 folgten für die Division Manöver in Louisiana und eine Wüstenausbildung in Kalifornien. Die Soldaten absolvierten lange Märsche, Übungen in schwierigem Gelände, Schießausbildung und Nachtmanöver, die sie an Bedingungen gewöhnen sollten, wie sie sie in Europa erwarteten. Dazu gehörte nicht nur die technische Ausbildung, sondern auch der Kasernenalltag, der Vertrautheit und Zusammenhalt unter den Kameraden förderte.
Nach den Erinnerungen der Familie lernte Elmer in Camp Shelby Richard E. Fent kennen, später Platoon Sergeant des 3. Zuges seiner Kompanie, mit dem ihn bald ein festes Vertrauensverhältnis verband. In der Schlacht um den Monte Altuzzo war es dann Fent, der ihm zu Hilfe kam und ihn in Sicherheit brachte, als Kunze schwer verwundet wurde. Diese in der Ausbildung entstandene Freundschaft erwies sich im Gefecht als entscheidend.
Minturno: die Feuertaufe
Im Frühjahr 1944 kam die 85th Infantry Division aus Nordafrika, landete zwischen Mitte und Ende März in Neapel und ging am 10. April im Abschnitt am unteren Garigliano in Stellung. Elmer nahm an den Kämpfen an der Gustav-Linie teil, besonders im Raum Minturno, unweit von Formia. Der amerikanische Vormarsch wurde dort von einer gut organisierten deutschen Verteidigung gebremst: Die Stellungen auf den Höhen beherrschten die wichtigsten Zugänge in Richtung Cassino und Rom, und jeder Schritt nach vorn kostete langwierige Gefechte. Der Feldzug nahm oft die Züge eines Stellungskrieges an, ausgetragen auf kurze Entfernung zwischen zerstörten Häusern und in den Boden gegrabenen Gräben.
Nach den Erinnerungen der Familie wurde Elmer in jenen Wochen von Granatsplittern an den Beinen getroffen. Die Verletzungen zwangen ihn nicht, seine Einheit zu verlassen; nach der Behandlung kehrte er in den Dienst zurück. Es war seine erste unmittelbare Begegnung mit der Wucht des feindlichen Feuers und mit der Härte einer Front, an der sich der deutsche Widerstand als zäher erwies, als die Alliierten zunächst erwartet hatten.
Aus Minturno fand Elmer auch Gelegenheit, an die Lokalzeitung seines Countys zu schreiben, den „Banner“, wie er ihn selbst nennt – mit großer Wahrscheinlichkeit den Warrenton Banner, die Wochenzeitung von Warrenton, dem Verwaltungssitz des Warren County. Sein Brief, veröffentlicht am 18. Mai 1944, ist ein wertvolles Zeugnis dafür, wie amerikanische Soldaten die italienische Front wahrnahmen. Es handelte sich nicht um einen offiziellen Bericht, sondern um einen kurzen persönlichen Beitrag, der den Lesern in den Vereinigten Staaten eine konkrete Vorstellung von den Bedingungen des Feldzugs, den Schwierigkeiten der Truppe und dem Alltag der Soldaten im Einsatz vermittelte.
„Banner“ (Warrenton, Missouri, USA), 18. Mai 1944.
Soldat Elmer Kunze schreibt aus Italien
Soldat Elmer Kunze, der bei der US-Armee an der Front in Italien dient, schildert seine Erlebnisse in einem Brief an den Banner, datiert vom 28. April:
„Sehr geehrte Herren,
ich habe lange nicht mehr geschrieben und möchte mich nun für den Banner bedanken. Eine Zeit lang habe ich ihn sehr vermisst, weil wir nach Italien verlegt worden waren und es eine Weile dauerte, bis er hier ankam.
Jetzt sind wir direkt an der Front, und ich verstehe wirklich nicht, wie sie all das aushalten, was wir ihnen schicken. Für jeden Schuss, den sie auf uns abgeben, schicken wir zehn zurück.
Mein „Zuhause“ ist jetzt ein Loch im Hang, gerade groß genug für zwei Männer, aber ziemlich sicher. Selbst Jerrys „screaming memies“ [sic] (die deutschen Nebelwerfer) können uns hier drin kaum erreichen.
Wir müssen sogar lachen, wenn wir sehen, wie vier oder fünf Mann versuchen, sich alle zugleich in dasselbe Loch zu zwängen, sobald sie uns ein oder zwei Granaten herüberschicken.
Als ich vor einiger Zeit beim Roten Kreuz war und in den Büchern blätterte, in die sich die Jungs aus jedem Bundesstaat eingetragen hatten, sah ich den Namen von Howard Armstrong und das Datum, an dem er dort gewesen war: etwa einen Monat vor mir. Ich habe auch die Namen einiger Jungs aus Marthasville und anderen Teilen des Warren County entdeckt.
Das Rote Kreuz leistet hier wirklich großartige Arbeit; es verteilt sogar Donuts an die Jungs in den Stellungen.
Nun, ich wünsche Ihnen und dem Banner viel Glück bei Ihrer Arbeit und hoffe, dass Sie mir den Banner weiterhin schicken. Grüße an alle! Hiermit schließe ich.
Mit herzlichen Grüßen,
(gez.) Elmer“

Der Vormarsch durch Italien
Nach dem Durchbruch durch die Gustav-Linie (Mai 1944) rückte die 85th Infantry Division „Custer“ auf Rom vor, das sie am 4./5. Juni erreichte, und stieß entlang der Via Cassia über Monterosi hinaus vor, in ständigen Gefechten mit deutschen Nachhuten. Am 10. Juni wurde sie aus der Front gezogen und verbrachte etwa einen Monat zur Auffrischung auf dem Gut Castel Porziano südlich von Rom; anschließend wurde sie in die Toskana verlegt.
Im Juli verlegte die „Custer“ in den Raum Roccastrada und dann zwischen Volterra und San Gimignano; vom 15. bis 26. August hielt sie das Südufer des Arno westlich von Florenz, mit Spähtrupps und Verteidigungsaufgaben. Anschließend zwischen Montespertoli und Certaldo versammelt, bereitete sie sich auf die Offensive gegen den Apennin vor. In der Nacht des 11. September durchquerte das 338. Regiment, dem Kunze angehörte, Florenz auf Lastwagen und fuhr auf der Staatsstraße 65 bis Vaglia hinauf, hinter die Front am Giogo-Pass.
Monte Altuzzo, September 1944
Am 12. September 1944 begann die Schlacht um den Giogo-Pass, einen strategischen Punkt der Gotenstellung. Ab dem 13. September versuchte das 338. Infanterieregiment der 85. Division fünf Tage lang, den Monte Altuzzo (Höhe 926) einzunehmen, eine Stellung mit Bunkern, Gräben und miteinander verbundenen MG-Nestern. Die Angriffe kamen nur langsam und unter großen Schwierigkeiten voran: Jeder Hang und jeder Felsgrat erforderte wiederholte Anstrengungen und forderte schwere Verluste.
Die Kompanien des Regiments lösten sich bei den Angriffen ab; waren Einheiten zu stark geschwächt, wurden sie mit Zügen anderer Einheiten verstärkt. Die Kompanie „C“, der Elmer Julius Kunze angehörte, lag mehrmals in vorderster Linie. Vor Tagesanbruch des 17. September erreichte nach tagelangen Kämpfen und deutschen Gegenangriffen der 3. Zug der Kompanie C unter Second Lieutenant Albert J. Krasman und Platoon Sergeant Richard E. Fent den Kamm; ihm folgten weitere Männer der Kompanie, darunter die des 1. Zuges. Auf dem Gipfel hielten die Deutschen zwei Bunker. Nach der Darstellung des amerikanischen Militärhistorikers Sidney T. Mathews griff Pfc. Elmer J. Kunze zusammen mit Pfc. Lawrence Markey Jr. den rechten, in die Kuppe gegrabenen Bunker an: Während ein deutscher Soldat Handgranaten warf, antwortete Kunze mit seinem M1-Gewehr, um Markey zu decken, der versuchte, eine Granate in den Bunker zu werfen. Heute erinnert ein Holzkreuz an diese Kämpfe. Nach den Erinnerungen der Familie wurde Kunze bei diesem Einsatz von einer Kugel am Oberkörper getroffen; der Bericht von Mathews verzeichnet seine Verwundung nicht.
Nach derselben Familienerinnerung erreichte ihn Sergeant Fent, den Kunze während der Ausbildung in Camp Shelby kennengelernt hatte, unter Beschuss und zog ihn in Deckung, sodass er erste Hilfe erhalten konnte. Sein Eingreifen rettete Kunze das Leben.
Viele Jahre später erzählte Fents Witwe die Episode Robbie Kunze Humphrey, Elmers Tochter, und bestätigte den Hergang. Beide Männer überlebten die Kämpfe am Monte Altuzzo und blieben nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten über die Jahre in Verbindung, verbunden durch die gemeinsame Erinnerung an jene Erfahrung.
Nach dem Krieg
Elmer Kunze kehrte in die Vereinigten Staaten zurück, wo er lange mit seiner Frau und seinen Kindern lebte. Über seine Erlebnisse an der Front sprach er nie. Erst nach seinem Tod am 23. März 1983 im Alter von 71 Jahren vertraute seine Frau der Tochter Robbie an, dass Elmer vor den Kindern nie das Hemd auszog, um die Narben der in Italien erlittenen Wunden nicht zu zeigen. Der Krieg hatte ihn so tief gezeichnet, dass er anderen nicht zeigen wollte, was er am eigenen Leib erfahren hatte.
Elmer Julius Kunze ist auf dem Saint Paul’s Cemetery in Marthasville, Missouri, begraben. Ruhe in Frieden, Elmer. Wir haben dich lieb.
Die Erinnerung im MuGot
Elmer Julius Kunzes Tochter Robbie Kunze Humphrey schenkte dem Museo Gotica Toscana die Originaluniform ihres Vaters, die heute im Giogo-Saal neben weiteren Erinnerungsstücken der Schlacht ausgestellt ist. Diese Geste hat nicht nur die Sammlung des Museums bereichert, sondern war auch ein Akt familiärer Erinnerung: Durch den Kontakt mit dem Verein konnte Robbie Einzelheiten aus Elmers Soldatenleben rekonstruieren, die sie nicht kannte, und Lücken in einer Geschichte schließen, die ihr Vater, wie viele Veteranen, nie ganz erzählen wollte.
Für das MuGot ist es eine große Ehre, die Uniform eines der Helden des Monte Altuzzo zu bewahren.
Im Jahr 2023, anlässlich der historischen Nachstellung Un Tuffo nella Storia, kehrte Robbie an den Ort der Schlacht zurück. Gemeinsam mit Darstellern, Freiwilligen und Publikum ging sie den Weg zum Kreuz auf dem Monte Altuzzo, genau dort, wo die Kompanie „C“ im September 1944 gekämpft hatte. Der Aufstieg zum Gipfel war nicht nur ein symbolischer Akt: Für sie bedeutete er, sich dem Gelände zu nähern, das ihr Vater unter Gefahr und Leid kennengelernt hatte und das jahrzehntelang nur ein Name in den Erinnerungen der Familie geblieben war.
Während der Zeremonie ergriff Robbie vor den Anwesenden das Wort, um an Elmer zu erinnern. In schlichten Worten sprach sie über seine Geschichte als Soldat und als Vater und teilte Gefühle und Familienerinnerungen. Es war ein Moment tiefer Bewegung, in dem sich private und kollektive Erinnerung verbanden: Die Erfahrung eines einzelnen Mannes, der eine der härtesten Schlachten im Apennin überlebt hatte, wurde zu einer gemeinsamen Geschichte und zu einem Erbe für alle.
Ein Erbe der Pioniere
Von Deutschland nach Missouri, vom Abolitionismus bis zum Kampf gegen Nationalsozialismus und Faschismus umspannt die Geschichte von Elmer Julius Kunze zwei Jahrhunderte: ein amerikanischer Soldat, Nachfahre deutscher Einwanderer, die sich für die Freiheit entschieden hatten, kehrte nach Europa zurück, um eben diese Ideale zu verteidigen.
Danke, Elmer, für das, was du für uns getan hast. Wir werden immer in Dankbarkeit und Zuneigung an dich denken.
Quellen
- Sidney T. Mathews, Break-Through at Monte Altuzzo, in Charles B. MacDonald, Sidney T. Mathews, Three Battles: Arnaville, Altuzzo, and Schmidt, Washington, Office of the Chief of Military History, 1952, Kapitel IV–V.
- Brief von Elmer Kunze an den „Banner“, datiert vom 28. April 1944 und veröffentlicht am 18. Mai 1944 (Ausschnitt oben abgebildet).
- Erinnerungen und Dokumente, zur Verfügung gestellt von seiner Tochter Robbie Kunze Humphrey.
- Zu den Bewegungen der 85th Infantry Division: 85th Infantry Division Association, History of the 85th Division (custermen.com).
- Zur Gießener Auswanderungsgesellschaft: State Historical Society of Missouri, Missouri Encyclopedia, Artikel „Paul Follenius“.
- Traveling Summer Republic und Stadtarchiv Gießen (Hrsg.), Utopia. Revisiting a German State in America, Bremen, Edition Falkenberg, 2013 (ISBN 978-3-95494-595-5), zweisprachiger Band (Deutsch/Englisch). Nach Angaben der Tochter Robbie Kunze Humphrey dokumentiert der Band die Zugehörigkeit der Familie Kunze zur Gießener Auswanderungsgesellschaft und die Überfahrt auf der Medora.


Elmer Kunzes Uniform im MuGot







